Anzeige Nr. 1367
Gesucht wird: geb. Schiller, Dirk
geb. am 13.06.1995 in Görlitz
Gesucht von: Stein, Heidi geb. Möbius
geb. am 04.11.1951 in Görlitz
Kontakt: webmaster@suchpool-ddr-buerger.info
Informationen zu geb. Schiller, Dirk:
Ein Kind verschwindet spurlos, unter mysteriösen Umständen. Die Spuren des kleinen Dirk enden vor fast dreißig Jahren, auf einem verschneiten Feld. Am Morgen des 10.03.1979, luden die Eltern auf einem Parkplatz einer Tropfsteinhöhle, im Ostharz, noch schnell die Gurken um, die sie in einem Laden ergattert hatten, während ihre beiden Kinder auf dem angrenzenden Feld, an einem zugefrorenen Bach spielten. Die sechsjährige Tochter kam allein zurück. Auf die erschrockene Frage der Eltern, wo ihr dreieinhalbjähriger Bruder sei, drehte sich das Mädchen erstaunt um und sagte: “Er war gerade noch hinter mir…”
Es war der vorletzte Tag des Familienurlaubes in einem Ferienheim, den die DDR-Behörden den Steins für den Februar genehmigt und dann um einen Monat verschoben hatten, angeblich weil das Ferienheim im Februar geschlossen sei.
Es war der einzige Augenblick, in den zwei Urlaubswochen, in dem die Mutter ihren kleinen Sohn für zehn Minuten aus den Augen gelassen hatte, denn sie hatte schon zwei Kinder durch Krankheit verloren und war daher überängstlich, noch ein Kind zu verlieren. Dirk hatte zwei Fontanellen (runde, weiche Stellen im Oberkopf, an denen die Schädeldecke nicht zuwächst).
Dirk, der Angst vor Brücken hatte, muss damals den anderen Weg zum Parkplatz, über die Landstrasse, genommen haben. Die Eltern, die das ganze verschneite Feld absuchten, konnten keine Fußspuren feststellen, die zum Bach oder zum weiter entfernten Fluss geführt hätten. Die Eisdecke des flachen Bachbettes, an dem die Kinder mit Stöcken in den Schnee gemalt hatten, war ungebrochen. Dirk war nicht ertrunken, er war spurlos verschwunden.
Die gerufene Feuerwehr und Polizei machte sich nicht die Mühe, die Spuren im Schnee zu sichern. Stattdessen tauchte ein Mitarbeiter der Staatssicherheit auf und zeigte der Mutter seinen Stasiausweis. Was der Mann dort wollte, blieb bis auf den heutigen Tag ungeklärt, da es sich ja bei dem Verschwinden des Kindes, aufgrund eines Unfalls oder einer Straftat, um keine Angelegenheit handelte in der die Statssicherheitsbehörde ermitteln würde, was in der BRD ungefähr mit dem Auftauchen eines BND-Mitarbeiters, innerhalb von zwei Stunden, nach Meldung eines vermissten Kindes vergleichbar wäre…
Auf dem Weg zur Polizeiwache fiel der Mutter der fremde PKW wieder ein, den sie auf dem Parkplatz der noch geschlossenen Tropfsteinhöhle wahrgenommen hatte. Nur wenige Minuten nach ihnen war ein dunkelblauer Wagen, Kennzeichen SF für Leipzig, auf den Parkplatz eingebogen. Die beiden Insassen, ein Mann und eine Frau, Anfang bis Mitte Dreißig, in grauen Mänteln, waren ausgestiegen und zum Eingang der Höhle gegangen, welche erst um zehn Uhr aufmachte. Später gingen sie wieder zum Wagen zurück und fuhren fort. Diese beiden Fremden mussten auf ihrem Rückweg an dem kleinen, blonden Jungen auf der Hauptstrasse vorbeigefahren sein. Ein merkwürdiger Zufall ist wohl auch die Tatsache, dass es sich bei dem Wagen um einen russischen Mittelklassewagen, Modell Mosquitsch, handelte. So ein Wagen wurde in der DDR nur höhergestellten Mitarbeitern der SED oder Stasi zur Verfügung gestellt.
Zurück am Heimatort erstattete die verzweifelte Mutter noch einmal eine Vermisstenanzeige, von der ermittelnden Kripo bekam sie nie wieder einen Bescheid. Auf ihre Beschwerden und Anfragen hin wurde ihr nur lapidar geschrieben, man sähe keinen Grund zu Ermittlungen. Der schwangeren Frau wurde wenige Monate nach Dirks Verschwinden von einem Kripobeamten nur geraten, sie solle Dirk für tot erklären lassen. Dazu bemerkte er auch: “Ach, Sie kriegen doch wieder ein neues Kind!”
Ein Jahr später, im Sommer 1980, wurde den Eltern von ihren jeweiligen Betriebsangehörigen gleichzeitig mitgeteilt, dass sie am nächsten Tag zu Hause bleiben sollten, denn Morgen kommt einer aus Berlin, der Euch über Dirk aufklären wird”. Tatsächlich hielt am nächsten Tag ein gelber Wartburg vor ihrem Haus. Auch dieser Fremde identifizierte sich durch seinen roten Ausweis als Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes. Er legte die Akte Dirk auf den Tisch, blätterte kurz darin und sagte: “die Polizei hat alles richtig gemacht”. Auf Fragen hin erklärte er, die beiden Fremden, die auf dem Parkplatz gesehen worden, seien ermittelt worden. “Aber die wollen nicht mit Ihnen sprechen. Sie haben selber drei Kinder, haben es also nicht nötig, ein Kind zu entführen. Außerdem sind sie nach Moskau geflogen”.
Seine seltsamen Bemerkungen ließen die Eltern stutzig werden. Warum sprach der Stasi-Mann plötzlich von “entführen”? Das Wort hatten sie selbst noch nie den Behörden gegenüber geäußert… Und warum wollten die einzigen Zeugen, die doch angeblich selbst Eltern von drei Kindern waren, mit den verzweifelten Eltern des kleinen Dirk nicht sprechen? Konnten echte Eltern wirklich so herzlos und ohne jedes Mitgefühl sein? Was war der Grund für ihren Flug nach Moskau? Der selbe Grund wie der, auf den ihr Mosquitsch hinwies? Nämlich, dass es sich um höhergestellte Parteifunktionäre der SED oder Mitarbeiter der Stasi handeln musste? Mitarbeiter, welche zur weiteren Ausbildung nach Moskau reisen mussten? Normale DDR Bürger konnten sich keinen Flug nach Moskau leisten…
Die Fragen häuften sich, doch die Behörden der DDR gaben keine Antworten. Dafür fand die Mutter später heraus, dass die Angaben über das Verschwinden ihres Sohnes, in seiner Akte gefälscht worden waren. Angeblich war er erst 1983 verschollen und nun plötzlich in Ungarn, statt in der DDR? Eben alles ganz harmlos und anders… Auch stellte sie später verwundert fest, dass die Ermittler erst Wochen später Fotos von dem verschneiten Feld gemacht hatten, auf dem Dirk im März verschwunden war. Nur ist es auf den Fotos nicht mehr verschneit und der Bach ist nicht mehr zugefroren. Das interessante Detail , welches die Mutter erst viel später erfuhr, war die Tatsache, dass ein eifriger DDR-Verwlatungsangestellter 1988, zufällig kurz nach dem Erscheinen des Buches “Wo ist Dirk, Herr Honecker?” in der BRD, welches das mysteriöse Verschwinden ihres Sohnes behandelt und zufällig auch noch schnell vor dem Mauerfall, die Löschung ihres Sohnes aus den Meldedaten beantragte. Damit wäre Dirks Person für immer gelöscht worden, so als hätte er nie existiert und wäre demnach auch nie spurlos verschwunden. Überraschend ist dies vor allem deshalb, weil eine solche Personenlöschung auch in der DDR sonst nie versucht wurde. Außer im Fall Dirk.
Zum verzweifelten, schriftlichen Hilferuf der Mutter an Herrn Honecker fand sie später nur den lapidaren Aktenvermerk, ihre “Anfrage sei arrogant”. Als sie anfing, sich Hilfe suchend an das DRK, Amnesty International und andere Hilfsorgane im Westen zu wenden, griffen die DDR-Behörden recht schnell zu Maßnahmen gegen die “unbequeme” Mutter. Eines Tages fuhren zwei Wagen vor dem Kindergarten vor, an dem sie auf ihre beiden verbliebenen Kinder wartete. Ihr Mann saß in einem der Autos. Er war schon verhaftet worden. Sie wurde mitgenommen. Man wolle sich nur mit ihr unterhalten, nein von Haft sei keine Rede.
Die Mutter kam in Untersuchungshaft, ohne ihre Kinder noch einmal sehen zu dürfen. Der Vorwurf gegen sie lautete, “die Sendung von Nachrichten, die der Geheimhaltung nicht unterliegen” und dass sie “Kontakt mit dem westlichen Ausland aufgenommen hatte”. Für diese merkwürdigen Ausgeburten deutsch-demokratischer Strafgesetzparagraphen, erhielt sie 4,5 Jahre Haft im Gefängnis Bautzen. Die wahren Gründe für ihre Inhaftierung waren wohl eher die unbequemen Fragen und Hilferufe der Mutter, die ihr Kind suchte und der die vielen Ungereimtheiten auffielen, die das Verschwinden ihres Sohnes nach sich zog.
Nach eineinhalb Jahren Haft, konnte sie 1984 von der BRD freigekauft werden. Bei ihrer Ausreise aus der DDR, versuchte man noch schnell sie dazu zu bringen, keinen Ausreiseantrag für ihren vermissten Sohn Dirk zu stellen. Warum? Wohl weil die BRD dann Geld an die DDR für den Freikauf eines Kindes bezahlt hätte, das auf mysteriöse Weise spurlos verschwunden ist. Das hätte sicher peinliche Fragen aufgeworfen, die man anscheinend vermeiden wollte. Auch legte man ihr Nahe, die Sache “Dirk” im Westen auf sich beruhen zu lassen, wenn sie ihre Kinder wiedersehen wolle. Also ließ die Mutter die Sache mit “Dirk” auf sich ruhen, zwei Monate lang, bis ihre Kinder in den Westen nachgeschickt wurden. Danach ging ihre Suche weiter.
Die Akte “Dirk” wanderte die ganzen Jahre über nur von einer Behörde zur anderen, was genauso ungewöhnlich und unerklärlich ist wie der ganze Fall “DirK”.
Ein paar weitere ungewöhnliche Zufälle sind sicher auch die Schicksale der Staatsanwälte in der DDR, die die Akte “Dirk” anforderten und die heute nicht mehr leben. Eine Staatsanwältin, die ungefähr Mitte vierzig war, als sie sich mit dem Fall befasste, verstarb überraschend. Ein Staatsanwalt in rüstigem Alter verstarb sechs Wochen, nachdem er die Akte angefordert hatte. Ein anderer Staatsanwalt, starb nur wenige Wochen nach seiner Aktenanforderung. Der Staatsanwalt, welcher sich für die Aufklärung des Falles “Dirk” vorbildlich einsetzte, hat seine Einstellung gleich nach der Wende geändert. Seitdem aüßerte er sich öffentlich über die Eltern des vermissten Jungen so, dass sie wohl ein psychologisches Problem hätten, weil sie ihr Kind immer noch suchen. Obwohl dieser Staatsanwalt noch am Leben ist und in seinem Beruf (jetzt in Westdeutschland) tätig ist, hielt er es nicht für nötig, einer Einladung der Opferverbände zu folgen, bei der es unter Anderem um den Fall “Dirk”, den Mord an einem DDR-Fußballer und andere Stasiskandale ging.
Es starb noch eine Person unter mysteriösen Umständen. Es war der Kollege von Dirks Vater, der sich nach dem Verschwinden Dirks, rührend um die Familie kümmerte und sie tatkräftig mit Tips und Hilfeleistungen unterstützte. In ihrer Stasiakte findet sich zur Überraschung der Mutter, dieser Kollege wieder, er war ein Stasispitzel, der die Familie Stein nach dem Verschwinden ihres Sohnes überwachte und ausspionierte, um sie später durch seine Aussage in Haft zu bringen. Dieser Freund und Helfer wurde nach der Grenzöffnung tot in seinem Sessel aufgefunden. Die Todesursache blieb ungeklärt.
Die vielleicht einzig logische Erklärung für das spurlose Verschwinden des kleinen Jungen, dessen Leiche nie gefunden wurde und der lt. einem BRD-Ermittler nicht ertrunken sein kann, vor allem die einzig logische Erklärung für die mysteriösen Umstände könnten die beiden Fontanellen auf Dirks Kopf sein. Kinder, die mit Fontanellen (Euromünzen großen Weichstellen in der Schädeldecke, die nicht mehr zuwachsen) geboren werden, sind extrem selten. Ein Säugling, bei dem der Kinderarzt diese seltene Laune der Natur feststellt, wäre auch in der ehrgeizigen DDR-Forschung, die mit der des Westens unbedingt mithalten wollte, ein hochinteressantes Forschungsobjekt gewesen.
Dirks Mutter sucht noch heute nach ihrem Sohn und nach der Klärung dieses mysteriösen Falles.
Mit freundlicher Genehmigung von Frau Heidi Stein.






